Der Meister IP

REISINGER-WEBER, Jutta, Der Monogrammist IP und sein Umkreis

(=Neue Veröffentlichungen des Instituts für Ostbairische Heimatforschung der Universität Passau, Bd. 58), Dissertation, Passau 2007.

Die Passauer Neue Presse wies in der Ausgabe vom Samstag, 15./ Sonntag 16. September 2007 (62. Jg, 37. Woche, Nr. 213) auf die Ausstellungsfinissage hin, bei der das Buch vorgestellt wurde:

Wer war der Passauer Meister? von Edith Rabenstein, Feuilleton, S. 8.

 "Ein ausführlicher Bildteil zeigt und kommentiert die Werke." Passauer Neue Presse


 

Neue Veröffentlichungen des Instituts für Ostbairische Heimatforschung der Universität Passau

Band 58

Der Monogrammist IP gehört zu den bedeutendsten Bildschnitzern der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts im süddeutschen Raum. Die vorliegende Untersuchung zeist erstmals nicht nur eine vollständige Zusammenstellung seiner Werke, sondern auch Arbeiten seines Umkreises.

Gegenstand der eingehenden Analyse sind sowohl die Lokalisation seiner Werkstatt nach Passau, selbstständige Kompositionen und originäre Bildfindungen, aber auch Werke anderer Meister, an denen er sich orientierte.

Anhand zahlreicher Bildbeispiele wird nicht nur die Entwicklung seines Stils aufgezeigt, sondern auch die Verbreitung seiner Werke bis nach Böhmen präzise dargestellt. In den Blick kommen dabei auch die Arbeiten seiner Gehilfen oder die Werke seiner Kollegen, die eine eigene Werkstatt in Passau unterhielten, wie etwa der Meister von Irrsdorf.                                             ISBN 978-3-932949-66-1


Der Monogrammist IP in der Forschung ...

  • Das in der Dissertation dem Monogrammisten IP zugeschriebene Kruzifix in der Passauer Spitalkirche Hl. Geist wurde 2013/14 restauriert. Ein Bericht wurde im BR am 3. November 2013 gesendet.
  • Auf die Beziehung des Monogrammisten IP zu Wolf Huber geht die Autorin in ihrem Aufsatz ein: Nicole Riegel: „Ein newe fatzon“. Schloß Neuburg am Inn um 1530. In: Zeitschrift des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft 66, 2012 (2014), S. 102-205
  • Ausstellung "Fantastische Welten" - zahlreiche Objekte des Monogrammisten IP sind in dieser Ausstellung zu sehen. Nachfolgend die Presseberichte von Dr. Edith Rabenstein, der ich für die Erlaubnis danke, die Berichte zeigen zu können. 




Der Monogrammist IP und sein Umkreis

Einleitung ohne Fußnoten

 

Die vorliegende Untersuchung beschäftigt sich mit den Werken des Monogrammisten IP und seines Umkreises. Der Notname des Schnitzers, der seine Werke im zweiten bis vierten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts schuf, beruht auf der Signatur IP, mit der ein Sündenfallrelief in der Österreichischen Galerie in Wien signiert ist. Neben der Signatur ist die Jahreszahl 1521 auf dem Relief zu sehen, die das Entstehungsjahr angibt. Derzeit sind noch zwei weitere Reliefs mit der Signatur IP bekannt. Das eine befindet sich in der Nationalgalerie in Prag und zeigt eine Heimsuchung, das zweite, mit der Darstellung einer Beweinung wird im Depositum der Eremitage in St. Petersburg aufbewahrt.

Den drei IP signierten Kleinkunstwerken verdanken wir, dass der Schnitzer als Monogrammist IP Eingang in die Kunstgeschichte gefunden hat. So bzw. als Schnitzer IP wird er in dieser Untersuchung kontinuierlich bezeichnet, es sei denn, es handelt sich um Zitate der Forschungsliteratur, in denen er auch kurz Meister IP genannt wird. Die drei Reliefs sind aus Birnbaumholz gefertigt und kleinformatig: Die Höhe schwankt zwischen 14cm (Heimsuchung) und 19,5cm (Beweinung) und die Breite zwischen 11,5cm (Heimsuchung) und 15,5cm (Beweinung). Das Sündenfallrelief liegt mit 16 x 12,5cm von der Größe her zwischen den beiden anderen.

Der Monogrammist IP lebte im frühen 16. Jahrhundert, das geprägt war von tiefgreifenden Veränderungen in beinahe allen Lebensbereichen. Für das alltägliche Leben bedeutete dies eine Umstellung vom fränkischen Gewohnheitsrecht auf das von Italien geprägte neorömische Recht, das nach Gesetzen urteilt. Diese Veränderung wurde ebenso widersprüchlich aufgenommen, wie die Umstellung der mittelalterlichen Rechenbrett-Arithmetik auf die doppelte Buchführung, die mit der Einführung der arabischen Ziffern einherging, die in Italien längst gebräuchlich waren. Tiefgreifend beeinflusste die literarisch-wissenschaftliche Strömung der italienischen Renaissance, die als „Humanismus“ bezeichnet wird, Ende des 15. Jahrhunderts ganz Europa und damit auch den deutschen Raum. Die Humanisten treten für die freie und unabhängige Entfaltung des Menschen ein und stehen damit in bewusster Gegnerschaft zur Scholastik des Spätmittelalters. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts verlagerten sich die Schwerpunkte der Humanisten dahingehend, dass unterschiedliche Richtungen Beachtung fanden, die auch zum Ausgleich zwischen dem humanistischen Verständnis und dem Christentum eingesetzt wurden. Das Interesse am Menschen als Individuum hatte eine positive Sicht des Körpers zur Folge, die sich auch auf die Darstellungen in der Kunst auswirkte. Die Künstler wurden sich ihrer Bedeutung mehr und mehr bewusst und befreiten sich aus der Anonymität des Handwerkerseins. In den Kunstwerken kamen die Vorstellungen des Humanismus zum Tragen. Folglich suchten die Künstler der Spätgotik in deutschen Landen nach neuen Ausdrucksmitteln. Sie stellten nun die menschliche Komponente in den Christusfiguren und Heiligendarstellungen in den Vordergrund.

Der Buchdruck und die Druckgraphik ermöglichten hohe Auflagen von Bildvorlagen. Weit verbreitet waren insbesondere die Druckgraphiken Albrecht Dürers, Lucas Cranachs d.Ä. und Albrecht Altdorfers. Nach ihren Vorlagen arbeiteten viele Maler und Bildschnitzer in den unterschiedlichsten Regionen. Auch bei den drei Reliefs des Monogrammisten IP ist die Kenntnis von druckgraphischen Vorlagen der genannten Künstler nachzuweisen. Die Benutzung weit verbreiteter druckgraphischer Vorlagen hilft jedoch nicht bei der regionalen Einordnung des Schnitzers.

Zudem ist die genaue Provenienz der Reliefs in den heutigen Sammlungen selten bekannt, so dass eine Information über den möglichen Entstehungsort dadurch nicht belegt bzw. rekonstruiert werden kann. In der Literatur finden sich immer wieder Hinweise auf Werke von Malern und Graphikern des salzburgisch-passauischen Raumes, wenn es sich um Vergleichsbeispiele bzw. Vorbilder für die Reliefs des Monogrammisten IP handelt.

Erstmals wurden 1965 im Rahmen der Ausstellung Die Kunst der Donauschule alle Werke zusammengeführt, die in den vorausgegangenen 40 Jahren in der Forschung dem Monogrammist IP und seinem Umkreis zugeschrieben worden waren. Die Werke, die um ihn gruppiert waren, standen im Rahmen des die Ausstellung begleitenden Symposiums im Vordergrund. Dabei wurde immer wieder auf die Malereien und Graphiken der „Donauschule“ verwiesen. In dieser Ausstellung traten neben die Reliefs mit den Darstellungen des Sündenfalls, der Heimsuchung und der Beweinung nun acht Gliederpuppen, mehrfigurige Kleingruppen (Marter des Hl. Sebastian, Kreuzigung) und Altäre bzw. Altarfragmente. Darunter waren einige Werke, die sowohl dem Monogrammist IP wie auch einem weiteren Vertreter aus dem Salzburger Raum, dem Meister von Irrsdorf gleichermaßen zugeschrieben wurden. Dies führte dazu, dass einige Kunsthistoriker den Monogrammist IP mit dem Meister von Irrsdorf gleichsetzten.

Unter den dem Monogrammist IP zugeordneten Werken befinden sich erhaltene Schnitzaltäre in Böhmen: so der Annenaltar und die beiden Altäre, die sich in der Umgebung von Prag (ehemals Zlíchov, heute Vorort von Prag) und in der Prager Teynkirche befinden. Das Vorhandensein der Altäre in Böhmen ließ die Frage nach dem Sitz der Werkstatt in der Forschung immer wieder aufkommen. Die Vermutung der tschechischen Kunsthistoriker Kropáček und Homolka, der Monogrammist IP habe für ein paar Jahre seine Werkstatt in Böhmen bzw. Prag gehabt, konnte bislang weder bestätigt noch widerlegt werden. Müller führt zwei Briefe an, die er auf den Annenaltar bezieht und die von einem böhmischen Auftraggeber an einen Bildschnitzer in Passau gerichtet sind, so dass das Augenmerk sich nun auf diese Stadt richtet. Im Rahmen seiner Abhandlung Der Schnitzaltar äußert sich Schindler zum Werk des Meisters IP und seines Kreises. Er bringt eine Fülle von Informationen und führt eine Reihe von Zuschreibungen an, die jedoch nur einen geringen Teil des dem Monogrammist IP zugeschriebenen Werkumkreises ausmachen. Den Exkurs zum Monogrammist IP schließt er wie folgt:

„Bedeutende Bildhauer und Schnitzer treten selten als Einzelpersonen auf, sondern in Familien und Sippen. Dies ist ein biologisches Gesetz, das mit dem Begriff der Werkstatt eng zusammenhängt. Die Bildschnitzer haben auch wieder Söhne, die das Bildschnitzerhandwerk erlernen. Sie haben auch Brüder, die – nach Übernahme der Werkstatt durch den Ältesten – sich gezwungen sehen, ihren Erwerb an anderen Orten zu suchen. Erst wenn die Zeit dafür reif ist, tritt gelegentlich aus dieser Konzentration von Werkerfahrung und Werkgeist – nach unseren Begriffen gesprochen – ein Genie hervor. Eine der Voraussetzungen dafür war die Werkstatt, war frühes Vertrautsein mit dem Handwerk und fleißige Arbeit“.

Schindler verweist mit seinen Bemerkungen klar auf einen Werkstattzusammenhang, aus dem heraus sich die unterschiedlich qualitätvollen Arbeiten, die dem Monogrammist IP und seinem Umkreis zugeordnet werden, erklären ließen. Ferner geht aus diesen deutlich hervor, dass der mit IP signierende Bildschnitzer, auf Grund seiner qualitätvollen Arbeiten, der Meister unter ihnen gewesen sein muss, eine Annahme, die im Verlauf der Untersuchung zu klären sein wird.

Die Frage der unterschiedlichen Abhängigkeit der zugeschriebenen Schnitzwerke von den drei signierten Reliefs des Monogrammisten IP wurde bislang nicht umfassend thematisiert. In der Forschung ist immer wieder festzustellen, dass Arbeiten, die bereits dem Monogrammist IP zugeschrieben wurden, als Grundlage für die Zuordnung neuer Werke in den Werkkreis des Monogrammisten herangezogen werden und die gesicherten Werke außer Acht bleiben. Viele Einzelzuschreibungen liegen vor, die sich häufig nicht an den signierten Reliefs orientieren und oft nicht zwischen dem Werkstattkreis und weiteren Werkumkreis unterscheiden.

Die Frage der Datierung ist ein weiteres Problem. Der Zeitraum, in den die meisten Werke datiert werden, wird mit um 1525–1530 angegeben. Das einzig feststehende Datum besitzt der Sündenfall von 1521. Alle weiteren Zuschreibungen werden in Abhängigkeit zum datierten Sündenfall und unter Einbeziehung der beiden anderen signierten Reliefs vorgenommen sowie die damit verbundenen Datierungen. Wie bereits erwähnt, handelt es sich bei den Werken, die dem Monogrammist IP und seinem Umkreis zugeschrieben werden, um Kleinplastiken und Retabelskulpturen. Von den meisten Retabeln sind nur Bruchteile erhalten geblieben.

Die heute ca. fünfzig Werke, die dem Monogrammist IP, seinem Werk- bzw. Umkreis zugeschrieben werden, werfen eine Reihe von Problemen und Fragen auf, die im Verlauf der Untersuchung nach Möglichkeit beantwortet werden sollen. Diese besteht aus zwei Teilen: einem ersten Teil, der grundlegende Fragen zum Monogrammist IP klärt und einem zweiten Teil, dem teilweise ausführlicheren Werkkatalog, in dem die Werke einzeln behandelt werden. Meine Untersuchung konzentriert sich vor allem auf die Fragen: Was zeichnet die Werke dieses Schnitzers aus und mit welchen Mitteln erreicht er seine Bildwirkung? Wie groß ist die Bedeutung von druckgraphischen und graphischen Vorlagen sowie deren Verarbeitung bei der eigenen Themengestaltung?

Die Beantwortung dieser Fragen ist auch für die regionale Einordnung des Monogrammisten IP von besonderer Bedeutung, da bislang keine schriftlichen Quellen zur Verfügung stehen, die eine vollends gesicherte regionale Einordnung zulassen. Daher erfolgt die Einbindung dieses Bildschnitzers in eine bestimmte Region auf Grund seiner Stilmerkmale und vor allem auf den von ihm benutzten graphischen Vorlagen anderer Künstler. Im Zentrum dieser Frage stehen die Handzeichnungen und Skizzen des Malers Wolf Hubers, der in Passau von 1517–1553 als Hofmaler des Fürstbischofs tätig war. Die Skizzen und Zeichnungen dienten den Künstlern als Entwürfe für die Ausführung von Aufträgen und als Mustermappen, die in der Regel in den Werkstätten verblieben. Anhand des Beweinungsreliefs kann nachgewiesen werden, dass der Monogrammist IP derartige Arbeiten Wolf Hubers gekannt und in die Gestaltung seiner Reliefs und Figuren einbezogen hat. Aus dieser Erkenntnis heraus ist der Schluss zulässig, dass der Monogrammist IP Wolf Huber persönlich gekannt hat.

Für die methodische Vorgehensweise meiner Untersuchung ist es von entscheidender Bedeutung, zuerst die Stilkriterien der Schnitzkunst des Monogrammisten IP anhand der signierten Reliefs zu ermitteln. Da jeder Künstler von dem ihn umgebenden Regionalstil geprägt wird, so besteht die Möglichkeit, den Bildschnitzer zunächst regional einzubinden. Darüber hinaus können dem Monogrammist IP dann weitere Werke als eigenhändig zugeschrieben werden. Einige Schnitzwerke, die die Stilmerkmale des Meisters aufweisen, in ihrer Ausführung jedoch schwächer sind, werden auf Grund dieser Kriterien seinem Werkstattkreis zugeordnet. Von Interesse sind die vom Monogrammist IP verwandten Materialien und die abschließende Oberflächenbehandlung mittels Beizen und Lasuren, durch die er eine einzigartige Steigerung der Wirkung seiner bildmäßig angelegten Reliefs erreicht.

Darüber hinaus wird zu klären sein, welchen Stellenwert die Graphikvorlagen anderer Künstler im Werk des Monogrammisten IP einnehmen und welche Bedeutung die Kleinplastik innerhalb des Werks des Monogrammisten IP einnimmt. In diesem Zusammenhang wird der Kreis der möglichen Auftraggeber erläutert. In einem weiteren Schritt wird auf die Lokalisation des Monogrammisten IP in Passau eingegangen. Die Bedeutung der Bischofsstadt Passau zu Beginn des 16. Jahrhunderts und die Möglichkeiten, die sie einem dort ansässigen Künstler bieten konnte, stehen bei der Betrachtung im Vordergrund.

In diesem Zusammenhang wird die Beziehung des Monogrammisten IP zum Meister von Irrsdorf geklärt. Dabei ist festzustellen, dass die Meister sich gekannt haben. Belegen lässt sich dies anhand von Motivübernahmen in einigen Werken des Meisters von Irrsdorf. Die Nähe der beiden Schnitzer wird im Werkkatalog deutlich, in dem den Werken des Monogrammisten IP und seiner Werkstatt die Arbeiten des Meisters von Irrsdorf und seiner Werkstatt folgen.

Des Weiteren wird die Abhängigkeit der Monogrammisten AD und Adam D von Werken des Monogrammisten IP untersucht, die für einen bestimmten Zeitraum Mitglieder seiner Werkstatt gewesen sein dürften. Auch ihre Werke finden sich im Werkkatalog. Auf Grund der erarbeiteten Stilkriterien müssen einige Arbeiten, die mit dem Monogrammist IP in der Literatur einmal in Verbindung gebracht wurden, seinem Werk- und Werkstattkreis abgeschrieben werden. Da die Arbeiten Merkmale des Passauer Regionalstils aufweisen, werden sie einer Passauer Werkstatt zugeordnet und abschließend als abzuschreibende Werke im Werkkatalog aufgeführt.

Zum Schluss der Untersuchung stellt sich die Frage nach den künstlerischen Wurzeln des Monogrammisten IP. In diesem Zusammenhang wird sowohl den immer wieder von Legner angeführten Berührungen mit Hans Leinberger nachgegangen, als auch möglichen Vorbildern unter den Salzburger Malern.